Aus dem Krankenhaus in die Hausarztpraxis

Rotthausen passte einfach: Dr. Jenny Langer hat die Standortwahl nicht bereut. Foto: J. Humpfle

Internistin Dr. Jenny Langer setzt auf Aufklärung und redet sich bei Impfgegnern „den Mund fusselig“

Dr. Jenny Langer hat als Internistin lange im Krankenhaus gearbeitet. Mit Jennifer Humpfle von der Rotthauser Post sprach sie darüber, warum sie sich niedergelassen hat und welche Herausforderungen dies mit sich bringt.

Frau Dr. Langer, Sie haben Ihren Facharzt in der Inneren Medizin gemacht. Wie wirkt sich dieser Schwerpunkt auf Ihre Arbeit aus?
Ich habe mich tatsächlich schon einmal gefragt, was der Unterschied zwischen einem Allgemeinmediziner und mir ist. Vereinfacht gesagt, lernt man als Hausarzt in erster Linie abwarten und schauen, bevor man handelt. Das ist in den meisten Fällen auch richtig. Viele haben mal Kopfschmerzen – wenn wir alle diese Patienten jedes Mal ins CT schicken würden, würde das sämtliche Ressourcen sprengen. Aber ich habe bemerkt, dass ich die Differentialdiagnosen bei einem Patienten so mache, wie ich es im Krankenhaus gelernt habe. Als Internistin habe ich gelernt, all das genau zu prüfen, was man für notwendig hält.

Sind Sie auf spezielle Beschwerden spezialisiert?
Das kann man so nicht sagen. Als Notfallmedizinerin bin ich an Herzinfarkte und Lungenembolien gewöhnt. Da weiß ich sofort, was zu tun ist. Das ist in einer normalen Praxis aber ganz selten der Fall. Die meisten Patienten kommen tatsächlich mit kleineren Problemen. Daran musste ich mich, als ich 2016 hier angefangen habe, erstmal gewöhnen. Aber mir ist lieber, dass die Patienten kommen, als wenn sie sagen, es ist nichts und dann ist es eben doch etwas Ernstes.

Warum haben Sie sich entschlossen, sich niederzulassen?
Ich habe lange im Elisabeth- Krankenhaus in Herten gearbeitet, zuletzt in der Notfallaufnahme. Es gab für mich nur zwei Optionen: eine Oberarztstelle annehmen oder weiter die Notfallaufnahme betreuen. Ich musste oft auf den Stationen einspringen, am Wochenende, feiertags und nachts arbeiten und habe mir gesagt, dazu bin ich zu alt.

Was ist der Unterschied zum Krankenhausalltag?
Seit ich 16 Jahre alt bin, habe ich im Krankenhaus gearbeitet. Ich habe zunächst eine Ausbildung zur Krankenschwester gemacht. Jetzt ist es schön, montags bis freitags zu arbeiten, mal einen Nachmittag frei zu haben – wenn zum Beispiel die Sonne mal ganz dolle scheint und keine Patienten im Plan stehen. Bereut habe ich den Schritt nicht, die Herausforderungen sind anders.

Nur wenige nutzen die Angebote zur Vorsorge

Wie sind Sie auf Rotthausen gekommen?
Ich wohne seit langem in Wanne-Eickel und habe zunächst dort geschaut. Nichts passte so wirklich, zumal ich auch nicht der Mensch für eine hypermoderne Praxis bin. Dafür hätte mir auch das Geld gefehlt. Ich komme aus dem Osten – mein Vater war Maurer, meine Mutter Putzfrau. Es gab niemanden in der Familie, der Geld hatte. Die Praxis hier passte einfach.

Rotthausen ist ein Stadtteil der Vielfalt. Wie sind Sie hier aufgenommen worden?
Es war gemischt. Mein Vorgänger war ein Mann und hatte deutlich mehr männliche Patienten. Es gibt viele bulgarische, rumänische oder türkische Patienten, die schon immer hergekommen sind, da es eine türkischsprachige Arzthelferin gab und jetzt auch wieder gibt. Sie ist wirklich ein Glücksgriff für mich. Seit ich hier bin, kommen aber doch eher die Frauen. Männer gehen zur Krebsvorsorge lieber zu einem Kollegen.

Gibt es Auffälligkeiten?
Zur Vorsorge kommen sehr wenige. Das ist schwierig. Auch die Igel-Leistungen werden kaum in Anspruch genommen. Ich will den Leuten nichts verkaufen, deshalb mache ich den erweiterten Check-up mit mehr Diagnostik kostenlos. Man muss sich dem Umfeld in gewisser Weise anpassen. Manche möchten Untersuchungen nicht bezahlen. Aber ich möchte trotzdem, dass sie so versorgt sind, wie ich es für notwendig halte. Es gibt leider viele Impfgegner. Dabei achte ich wirklich sehr darauf, dass alle gut versorgt sind. Aber manchmal rede ich mir den Mund fusselig. Trotzdem habe ich die Impfquote durch konsequente Aufklärung deutlich erhöhen können.

Und nun auch noch Corona…
Komischerweise haben wir seit Corona mehr Menschen geimpft. Diejenigen, die sonst sagen, ich brauche keine Impfung, waren die ersten, die nach der Corona-Impfung fragten und sich gegen Lungenentzündung und Keuchhusten haben impfen lassen. Da die Praxis ebenerdig liegt, können wir Abstriche und Gespräche bei geöffnetem Fenster machen. Dadurch mussten wir nicht groß umbauen, aber der Nachtteil ist, dass es bei kaltem Wetter durch die geöffneten Fenster teils bitterkalt ist. Am Anfang der Pandemie hatten wir in einem Quartal plötzlich 200 Patienten weniger. Es gab viele Unsicherheiten, der Beratungsaufwand war und ist enorm hoch.

Trotzdem sind Sie zusätzlich im Impfzentrum Emscher-Lippe-Halle im Einsatz.
Ja, dafür habe ich mich sofort gemeldet. Jetzt ist mir erstmals ein Termin abgesagt worden, weil es zu wenig Impfstoff gibt. Und dann sollen wir nach Ostern anfangen, in den Praxen zu impfen, wo der Impfstoff schon nicht für die Zentren reicht? Dabei ist dort vor Ort wirklich alles sehr gut geregelt, das Ringsherum allerdings nicht. Ich habe unzählige Patienten, die alleine zuhause sind und nicht wissen, wie sie einen Termin vereinbaren sollen und deshalb lieber warten wollen, bis die Hausärzte impfen können.


Zur Person

Dr. Jenny Langer (59) wurde in einem kleinen Ort im Thüringer Wald geboren. Nach der Schule machte sie ihre Ausbildung zur Krankenschwester und zog nach der Wende ins Ruhrgebiet, wo sie ihr Abitur nachholte und im Anschluss an der Universität Bochum Medizin studierte. Bis sie sich 2016 in Rotthausen niederließ, arbeitete sie als Fachärztin für Innere Medizin in der Notfallaufnahme im Elisabeth Krankenhaus in Herten. Die Internistin lebt in Wanne-Eickel, ist verheiratet und hat zwei Söhne. In ihrer Freizeit geht sie gerne in die Sauna und Radfahren. Einmal im Jahr machen sie und ihr Mann eine mindestens einwöchige Radtour. Außerdem liebt sie es zu lesen.